Sprechstunde bei Dr. Jesus?

Jesus ChristusSeit Wochen hat uns eine besonders heftige Grippe- und Erkältungs-welle fest im Griff. Die Arztpraxen sind voll wie selten. Viele hat es so richtig erwischt. Da ist das heutige Evangelium ganz überraschend aktuell: die Schwiegermutter des Simon Petrus liegt gerade mit Fieber im Bett. Was hier die konkrete Ursache des Fiebers ist, erfahren wir nicht, doch die Schwiegermutter des Simon kann sich offenbar nicht mehr auf den Beinen halten. Es hat sie schlichtweg umgehauen. Wie wir vom Evangelium des vorigen Sonntags wissen, war Jesus mit seinen ersten Jüngern am Sabbat in der Synagoge von Kafarnaum, wo er einen Besessenen von seinen Quäl-geistern befreite. Doch nun gehen sie unverzüglich ins Haus der Brüder Simon und Andreas.

Wahrscheinlich kommt die gute Hausfrau und Gastgeberin da noch mehr ins Schwitzen: Besuch im Haus, und an Bewirtung ist in ihrem Zustand absolut nicht zu denken! Das ist heutzutage im Zeichen von Elektroherd und Tiefkühltruhe nicht ganz so dramatisch, aber beim damaligen hohen Vorbereitungsaufwand für Speisen und der sprichwörtlichen orientali-schen Gastfreundschaft schon. Wie peinlich, ausgerechnet jetzt!

Ohnehin ist der heutige Besuch kein ganz einfacher. Ganz sicher hat diese Frau sehr gemischte Gefühle Jesus gegenüber. Sie kennt ihn zwar bisher noch nicht persönlich, aber sie hat unfreiwillig und indirekt schon mit ihm zu tun gehabt. Schließlich war er es, der für reichlich Wirbel in ihrer Familie gesorgt hat. Einen einträglichen Familienbetrieb als Fischer und Fischhändler haben sie. Da kommt dieser Jesus vor ein paar Tagen einfach an und angelt sich ihren Schwiegersohn und seinen Bruder gleich mit dazu. Menschenfischer sollen sie werden. Der Schwiegermutter tut das weh: Wie steht ihr Fischerei-Betrieb nun da? Wer soll nun deren Arbeit machen? Sicher müssen zwei Helfer neu eingestellt und bezahlt werden. Und vor allem: wie fühlt sich ihre Tochter, mit der Simon schließlich verheiratet ist? Wie wird sie mit seiner Abwesenheit fertig? Haben die Eheleute sich das auch reiflich überlegt? – So wälzt die Fiebernde die quälenden Gedanken hin und her.

Im heutigen Bibeltext heißt es: „Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen mit Jesus über sie, und er ging zu ihr, faßte sie an der Hand und richtete sie auf.“ Die Jünger sprachen also mit Jesus über sie. Das heißt doch: Simon und Andreas machen sich offensichtlich so ihre Gedanken. Selbst den manchmal als etwas un-sensibel geltenden Mannsbildern ist also nicht verborgen geblieben, dass diese Frau leidet, und zwar ganz offensichtlich nicht nur an ihrem Fieber. Oder wer weiß: Vielleicht ist das Fieber sogar eine Folge ihrer Sorgen? Wir heute kennen dafür den Begriff „psychosomatische Krankheiten“. Der Volksmund weiß das auch, wenn er z.B. formuliert: Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?

Diese Frau ist krank. Sie ist aus der Bahn geworfen. Nun liegt sie flach und kann nicht mehr. Ihr Kopf brummt, und sie fühlt sich ganz elend. Die Sorgen lassen sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Sie weiß weder ein noch aus. Was soll das bloß weitergehen? Jesus weiß Bescheid. Die Familien seiner Jünger sind ihm nicht egal.Er geht im doppelten Wortsinne auf die Frau zu. Ihre Blicke treffen sich. Ein kurzer Augenblick, und dann streckt Jesus ihr die Hand entgegen. – Wie wird die Schwiegermutter des Simon reagieren? Wird sie sich in ihren Kummer verkriechen? Wird sie sich hinter ihrer Krankheit verstecken? Oder wird sie ihm Vertrauen schenken und ihm auch die Hand reichen? Sie muss nun eine schnelle Entscheidung treffen, denn die Hand Jesu ist jetzt ausgestreckt, immer noch ausgestreckt auf sie zu und zu ihr hin.
Da geschieht es: Sie macht einen Riesenschritt, einen Riesenschritt im Kopf. Den Schritt des Vertrauens kann man nämlich auch im Liegen machen. Alle Schritte des Vertrauens beginnen nie in den Beinen, sondern immer im Kopf. Vorsichtig streckt sie Jesus ihre Hände ein Stück weit entgegen. Zu gerne hätten wir alle dabei ihren Gesichtsausdruck gesehen – sicher einerseits noch skeptisch, aber auch voller Neugier und Staunen, nicht zuletzt darüber, was sie selbst da gerade tut.

Jesus steht nun direkt vor ihr. Was da geschieht, beschreibt uns das heutige Evangelium leider nur in größtmöglicher Knappheit: „… er ging zu ihr, faßte sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr, und sie sorgte für sie.“ Jesus packt also zu. Jesus hält sie fest. Ihre Hände in seinen Händen. Gleichzeitig zieht er die Liegende hoch, er richtet sie im Bett auf.Er richtet sie auf. Das brauchen die Menschen, das Aufrichten.Gerichtet wird genug, aber aufgerichtet wird leider nur sehr wenig.Jesus richtet sie auf. Er schaut nicht auf sie herab, sondern er sorgt zuerst einmal dafür, dass sie beide auf gleicher Augenhöhe sind.
Er ist der Richter, der aufrichtet, der Mut macht, der deine Lage verändert, der deinen und meinen Blick frei macht.

Ein unbeschreibliches Gefühl durchflutet nun die Frau. Sie und Jesus, einen Moment lang Hand in Hand, wenn man so will. Einen ganz langen Moment lang, den sie ihr Lebtag garantiert nie vergessen wird. Merkwürdig: Die beiden sprechen überhaupt nicht miteinander.
Jesus fragt nichts und befiehlt nichts. Und bei der Kranken auch nichts. Kein Ton kommt über beider Lippen. Alles passiert ohne Worte. Aber die Blicke sagen sich sehr viel. Blicke können können Bände sprechen, Blicke können töten, aber auch lebendig machen. Blicke können sagen: „Ich liebe dich!“ oder „Vertrau mir!“ und vieles mehr.

Im wahrsten Sinne des Wortes augen-blicklich fällt alle Last schlagartig von der Schwiegermutter ab. Es ist, als wenn sie endlich wieder richtig durchatmen könnte. Doch nicht nur ihr Atem wird frei, sondern ihre Gedanken auch. Im Blick Jesu darf sie den Blick ihres Heilands erkennen. Für sie gibt es jetzt nur noch Klarheit, absolute Klarheit. Für sie hat sich alles geklärt: Dieser Jesus ist wirklich der Messias! Da ist kein Millimeter Platz für Zweifel. Sie weiß es einfach. Das hat ihr der Blick Jesu geschenkt. Können wir ihn noch hören, ihren Freudenjuchzer ?

Atemberaubend, was dann geschieht. Jesus hat die Kranke aufgerichtet. Genau heißt es dann im Text: „Da wich das Fieber von ihr, und sie sorgte für sie.“ – Das Fieber weicht von ihr, lässt sie los, verlässt sie wie ein Wesen, das einen festhalten und kaputtmachen wollte. Sie ist jetzt frei. Sie hat so unfassbar viel Kraft bekommen, so viel Zuversicht, dass sie sofort aufstehen und an die Arbeit gehen kann. Auch das wird nur mit einem halben Satz erwähnt: „sie sorgte für sie“.

Wir sehen sie geradezu vor uns, wie sie jetzt die Ärmel hochkrempelt und sich mächtig ins Zeug legt, um Jesus und die ersten Jünger mit allem zu bewirten, was die Küche hergibt. Wie verwandelt ist sie. Ein neuer Mensch ist sie geworden. Ein Mensch, der ganz handfest an Jesus glaubt. Klar, sie steht nicht in der Reihe der Jünger. Aber die Schwiegermutter des Simon Petrus steht jetzt hinter Jesus. Sie steht zu ihm, und von nun an steht auch ihr Haus Jesus und den Jüngern immer wieder weit offen. Diese Frau gehört zu den Menschen, die mit ihrem rührigen und eher unauffälligen Dienst denen da ganz vorne in der ersten Reihe den Rücken freihalten und Jesus auf diese Weise nachfolgen. Berufungsgeschichten gibt es also nicht nur da vorne, wo es jeder sofort sieht, sondern auch weiter hinten beim Verpflegungstrupp! Mit einem guten Schuss Humor könnte man sagen: Das war clever von Jesus, diese Hausfrau zu heilen. Für gute Küche und Service ist jetzt schon mal gesorgt…

Doch ernsthaft: Für Jesus ist dieser ereignisreiche Tag noch nicht zu Ende. Wie uns das Evangelium erzählt, heilt er noch viele Kranke, die an allen möglichen Krankheiten litten. Das dürfte ein langer Abend geworden sein! Doch wir hören auch, dass er „in aller Frühe, als es noch dunkel war“, zum Gebet regelrecht an einen einsamen Ort flieht. Das Gebet, der beständige und intensive Kontakt mit seinem himmlischen Vater, ist die Kraftquelle, aus der Jesus lebt. Dazu geht er aber meistens raus aus dem Trubel und zieht sich zurück.

Die Begeisterung für Jesus hier in Kafarnaum ist zwar riesengroß, aber machen wir uns nichts vor: es ist bei den meisten wohl eher die Begeisterung für den Heiler, nicht für den Messias. Geholfen haben will man, egal warum und egal von wem. So sehen viele in Jesus nur den hochwillkommenen Superheiler, so wie viele sich in ihm auch nur den Anführer gegen die verhassten Römer erhoffen. Aber ist es heute anders? Viele beten nur, weil sie eine Gegenleistung erwarten, Hilfe in ihren Sorgen und Nöten. Wie Jesus auf solche Geschäftsideen reagiert, erfahren wir auch gleich.

Während Jesus jetzt in der Einsamkeit betet, stehen seine Begleiter etwas dumm da: Jesus ist ihnen am Morgen kurzfristig abhanden gekommen, man könnte sagen: er ist ihnen entwischt. Bald werden sie wieder zu Dutzenden vor der Türe des Simon stehen, die Kranken und Hilfesuchenden. – Verflixt, wo steckt Jesus bloß? Es klingt schon leicht nach Panik, wenn im Evangelium steht: „Simon und seine Begleiter eilten ihm nach, und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich.“ Im Originaltext steht übrigens noch schärfer statt „sie eilten ihm nach“ der Begriff „sie jagten ihm nach“. Sie jagen ihn also, sie wollen seiner habhaft werden. Er kann sie doch jetzt nicht im Stich lassen!

Und so klingt es wie ein Vorwurf, als sie ihn bei ihrer Suchaktion endlich entdecken. Während er eigentlich immer noch im Gebet versunken ist, machen sie sofort und ohne lange Vorrede ihrem Ärger deutlich Luft: „Alle suchen dich!“ – Das soll ja wohl heißen: Lieber Jesus, so geht das aber nicht! Du bist jetzt ein gefragter Mann, jemand, der sich den Leuten und ihren Sorgen nicht entziehen darf! Alle suchen dich – alle brauchen dich! Du kannst jetzt keinen Rückzieher mehr machen!

Nicht nur die Leute damals, sondern auch wir heute können aus der eindeutigen Antwort Jesu lernen: „Er antwortete: Laßt uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Syna-gogen und trieb die Dämonen aus.“ Es ist, als wenn Jesus ihnen zuruft: „So, und jetzt das Ganze auf Stopp!“ – Mit seiner heilenden Tätigkeit am ersten Tag seines öffentlichen Auftretens in Kafarnaum hat Jesus die Menschen tief beeindruckt. Doch Jesus weiß um seinen eigentlichen Auftrag. Er lässt sich nicht überreden, sich total zu verzetteln und sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Das Heilen ist ein wichtiger Teil seines Handelns, aber heilen können in vielen Fällen auch andere in seinem Namen. Jesus heilt weiter, aber er lässt sich nicht als Medizinmann vereinnahmen. Seine Jünger und damit auch wir sollen begreifen, dass Jesus gekommen ist, zu predigen, wie wir eben gehört haben.

Das heißt: Er ist gekommen, die Frohe Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden. Das kann nur er mit dieser Kraft und Autorität. Möglichst viele Menschen sollen von der Liebe Gottes erfahren und zum Glauben finden. Daher fordert er seine Jünger auch auf, sofort mit ihm weiterzuziehen, zuerst in die benachbarten Dörfer.

Wem es nicht nur um die äußerliche Gesundheit geht, der wird ihm folgen, mit den Füßen oder mit dem Herzen. Dazu lädt er uns alle immer wieder ein, der Menschheitsarzt Jesus. Kommen wir in seine Sprechstunde. Folgen wir ihm, folgen wir seinem Rat. Sprechstunde ist übrigens immer, rund um die Uhr. Und wenn Sie spüren, dass Ihnen etwas fehlt, machen Sie sich auf! Sie kommen sofort dran, versprochen!

Erhard Eutebach, Jahrgang 1950, präsentiert wöchentlich seine “Mittwochsgedanken zur Sonntagspredigt” in einem eigenen Blog. Fortan werden wir seine wöchentlichen Predigtgedanken ebenfalls veröffentlichen.

4. Februar 2009, 18:36

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