Das Opfer des Empedokles

Friedrich HölderlinDie Empedokles Ode Hölderlins, etwa 1797/8 verfasst, ist einer der eindringlichsten und leidenschaftlichsten Gesänge an das Wort und seinen heiligen Grund. Die Wahrheit, das Substanzielle, kommt bei Hölderlin durch das dichterische, Wort. Es kommt als Rätsel von Gottheiten gesandt und nicht etwa als Gebrauchsanleitung. Hölderlins Ode zeigt das Bild eines die Neugeburt herbeisehnenden Empedokles, der durch den Tod in das Leben schlechthin zurückkehrt und wieder `alleinig´ wird, der sich euphorisch hinabstürzt, um das Leben konzentriert zu spüren.

Das Feuer der Tiefe und eigentliche Leben quillt ihm aus dem Abgrund entgegen und scheint den Dichter wieder in sich aufnehmen zu wollen, doch handelt es sich bei dem Abgrund nicht etwa um etwas Niederes, da unten angesiedelt, sondern um eine Art Uranfang, arché, den natürlichen Zustand schlechthin. Ein göttlich Feuer ist es, das Empedokles entgegen lockt und da er diesem heiligen Feuer erliegt, dieses seiner Sehnsucht sogar entgegentritt, darf auch Empedokles heilig genannt werden.

Der eigene Wille und der göttliche Wink sind also miteinander identisch. Die Hitze des Feuers als Element des Dionysischen macht Empedokles selbst zu einem Homer, der als naiver Dichter den Riss zwischen etwas ist/ bedeutet, wird gedichtet, ist geträumt nicht mehr kennt. Das Leben quillt aus Empedokles, denn dieser steht des Lebens Wesenheiten am nächsten, sieht das Lebendige, doch sieht er es nicht getrübt sondern klar und gereinigt durch die Götterideen.

Die Götter benötigen zur Vollendung ihres Schaffens Empedokles, um den schöpferischen Kreislauf zu schließen. Erst durch den Widerhall des göttlichen Werkes im Menschen, markiert durch die Benennung und durch die Liebe des Menschen, kommt eine Verknüpfung des menschlichen mit dem göttlichen Geist zustande. Die Benennung bei Hölderlin kann jedoch nur durch einen außerordentlichen Charakter geschehen, dem es möglich ist innerhalb des menschlichen Geistes zu kommunizieren, gleichzeitig jedoch über ihn hinaus empfangsbereit sein zu können. Bei Empedokles haben wir es also mit einem Zwischenwesen zu tun, weder vollkommen menschlich, d.h. durch geistige Programmierung beschränkt, noch endlich göttlich, da allein Überbringer und nicht Ursprung göttlicher Botschaften.

In Empedokles individualisiert sich seine Zeit, d.h. sein Bewusstsein umrahmt das Zeitgeschichtliche. Empedokles speist in sich Geschichte und legt sie den Menschen wieder dar und somit trifft man im Empedokles auch auf eine Analogisierung von natürlicher und historischer Entwicklung. Die natürliche Entwicklung kommt von Gottheiten und die historische Auswirkung als Sendung der Menschen. Beides kommt in Empedokles zusammen, manifestiert sich in ihm und ergibt, gleich einem Durchlaufverfahren, einen neuen Weltzustand.

Der Tod des Empedokles markiert als Opfertat eine Notwendigkeit, damit die erstrebte Vereinigung nicht an ihn als Individuum gebunden bleibt, sondern gesellschaftlich werden kann. Gerade die Liebe, in Form eben dieser Vollendung der im Grunde lebenslangen Opfertat, lässt Empedokles gehen und so beendet er sein Mittler Dasein durch eine endgültige Versöhnung von Natur-und Kultursphäre. Hiermit eröffnet sich eine heilsgeschichtliche Perspektive, in der gewissermaßen durch den Tod als Offenbarungsgeschehen ein göttlicher Geist erst erfahrbar wird. Das unabhängigste Prinzip überhaupt begründet das Wort und ist das Wort.

Um das Wahrhaftige zu bergen und zu sichern, bedürfen wir ähnlicher Grenzgestalten, wie Empedokles sie darstellt. Seien wir den Mittlern dankbar, die Wortbedeutungen vor der inflationären Talfahrt in unserem Leben bewahren und uns ein wenig Himmelreich auf Erden bescheren.

[ Roja Anne Said ]

31. Januar 2009, 09:17

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