Jesus spricht ein Machtwort

Symbolfoto: BergpredigtDas haben wir alle schon erlebt. Man selbst oder ein Familienmitglied hat einen ganz schlechten Tag. Vieles geht schief, und die Laune nähert sich rasant dem Nullpunkt. Man wird für die anderen ungenießbar. In einer solchen Situation kann man schon mal zu hören bekommen: „Du bist ja heute so verdreht! Was ist denn bloß in dich gefahren?“ Ja, unsere Sprache macht es deutlich: Das ist doch nicht der Mensch, den ich so schätze! Was ist auf einmal mit dem los? Er verhält sich so anders, so fremd, so aggressiv. Was ist bloß in ihn gefahren? Was steuert ihn in diesem Moment? Was beeinflusst ihn dermaßen, dass er oder sie so ausrastet?

Von diesem Phänomen sind auch nicht nur wir betroffen. Der als temperamentvoll bekannte Apostel Paulus zum Beispiel musste das auch schmerzlich erleben. Im Römerbrief hat er geschrieben (7,15): „Ich begreife mein Handeln nicht: Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse.“

Wir modernen Menschen haben dank der Wissenschaft in vielen Fällen bald eine Erklärung parat. Wenn jemand dauerhaft „neben der Spur läuft“, dann ist er oder sie vielleicht total überfordert und erlebt eine Art Zusammenbruch, einen „burnout“, wie man heute sagt. Oder bei jemand stimmt einfach die Chemie nicht. Irgendwelche Botenstoffe im Gehirn oder Hormone sind in Unordnung geraten. Häufig kann die moderne Medizin das mit allerlei Pillen und Therapien wieder in den Griff bekommen. Doch selbst heutzutage gerät die Medizin an die Grenzen ihres Könnens und kann sich manche Krankheitsbilder noch nicht so recht erklären, geschweige denn sie erfolgreich heilen.

Im heutigen Evangelium begegnen wir auf ganz eindringliche Weise dem mächtigen Heiler, der das kann. Jesus kann alle Krankheiten heilen und er tut es auch, wie die Bibel es an vielen Stellen belegt.
Am vorigen Sonntag haben wir gehört, wie Jesus die ersten Jünger aus-wählte, die er gleich von ihrer Arbeit als Fischer wegholte. Heute, in der sofort anschließenden Bibelstelle, geht er mit ihnen in seinem Wohnort Kafarnaum in die Synagoge. Es ist Sabbat. Die jüdische Gemeinde ist gerade im Gotteshaus zum Gebet und zur Schriftlesung versammelt. Jeder durfte nach Absprache mit dem Gemeindeleiter das Wort ergreifen, um die Heilige Schrift auszulegen. Davon macht Jesus Gebrauch. Offenbar lehrt er mit großer Überzeugungskraft, denn im heutigen Evangelium heißt es: „Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.“

Das Wort Vollmacht kennen wir. Mit der Vollmacht eines anderen können wir Geschäfte tätigen und verbindliche Erklärungen in dessen Namen abgeben. Mit einer Konto-Vollmacht sind wir über das Konto einer Person mit verfügungsberechtigt. Jesus lehrt wie einer, der Vollmacht hat, göttliche Vollmacht. Er allein lehrt mit göttlicher Autorität. Jesus hat die Zuhörer in der Synagoge von Kafarnaum so sehr gepackt, dass sie sehr betroffen waren, heißt es. Das Wort „betroffen“ kann man dabei auch mit „erschreckt“ übersetzen. Das heißt, durch die Schrifterklärung Jesu wurde den Menschen mit einem Schlag bewusst, wie lebendig Gottes Wort ist und wie engstirnig sie es manch-mal betrachtet hatten. Die Schriftgelehrten hatten sich mit ihren Auslegungen sicher Mühe gegeben, aber sie klebten an Buchstaben und Sätzen, an Vorschriften und Geboten. Was Jesus nun genau gepredigt hat, ist leider nicht aufgeschrieben. Wahrscheinlich ging es aber um eine Liebesbeziehung, nämlich um die zwischen Gott und den Menschen.

Jesus bekommt schon einen Augenblick später die Gelegenheit, seine Schriftauslegung in der Synagoge praktisch zu veranschaulichen. Wie das Evangelium berichtet, sitzt dort ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen ist. Das ist schon aufschlussreich: Dieser leidgeprüfte Mann sitzt in der Synagoge, unter den Frommen und Schriftgelehrten, wahrscheinlich irgendwo in einer Ecke. Offenbar finden das alle „normal“, und niemand nimmt ihn sonderlich zur Kenntnis. Man geht zur Tagesordnung über und verrichtet die vorgeschriebenen Gebete. Alles geht seinen geordneten Gang. Man lässt sich bei der Ausübung seiner Religion nur ungern stören. Der Erkrankte hat eben Pech gehabt, und womöglich findet sich in seinem Leben oder in dem seiner Eltern eine Erklärung für diese
Strafe, die auf seinem Leben lastet.

Jesus sieht das ganz anders, er sieht diesen Mann ganz anders. Er sieht nicht nur die Spitze des Eisberges, den Mann, der da sitzt und nicht stören darf. Jesus allein sieht viel tiefer, er sieht den gesamten Menschen. Er sieht sein heulendes Elend, sein jahrelang getragenes Leid, seine Selbstvorwürfe, doch irgendwie an seinem Schicksal schuld zu sein. Er sieht seinen stummen Schrei nach Zuwendung und Hilfe. – Es hat den Kranken sicher alle Kraft gekostet, in der Synagoge aufzutauchen. Er weiß, wie hinter seinem Rücken über ihn getuschelt wird. Dieser Mann ist ein Gefangener. Er ist unberechenbar in der Gewalt anderer, hat keine Gewalt mehr über sich selbst. In unserer modernen Sprache würden wir vielleicht sagen, er ist wie ferngesteuert oder wie von Banditen entführt, kraftlos, willenlos, hoffnungslos. Jederzeit und im Zeitpunkt nicht kalkulierbar kann er wieder von seiner Krankheit drangsaliert und hin- und hergerissen werden.

Aber was ist da bloß in ihn gefahren? Als Jesus in seine Nähe kommt, wird das offensichtlich. Allein die Nähe Jesu wirkt für die Besatzungsmächte dieses Kranken so bedrohlich, dass sie heftige Reaktionen zeigen. Es schreit laut aus dem Mann heraus, wie die Warnung eines in die Enge getriebenen Wesens: „Hau bloß ab, komm mir nicht zu nahe!“ Im Evangelium ist das so formuliert: „Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen?“Jesus und die Menschen in der Synagoge hören also, dass da Kräfte am Werke sind, die keineswegs dumm sind. Im Gegenteil, sie sind bestens informiert. Jesus wird ganz korrekt mit „Jesus von Nazaret“ angesprochen. Aber die pure Angst spricht aus der Nachfrage, wozu Jesus gekommen ist. Was die Menschen ringsum noch nicht erkannt haben, das haben ausgerechnet diese Mächte längst kapiert: In Jesus begegnet ihnen gerade in diesem Augenblick derjenige, den sie respektvoll als den „Heiligen Gottes“ betiteln. Die dunklen Mächte erkennen also die Heiligkeit des Gottessohnes, sie wissen sehr wohl, dass er der Messias ist. Aber wie man sehen kann, führt das keineswegs zu freiwilliger Umkehr und zum Glauben, sondern trotz dieses Wissens lehnen sie Jesus als ihren Herrn und Meister ab. Da mag vielleicht manch einer denken: Ach, so ist das eigentlich auch bei vielen modernen Menschen, die genug über Jesus wissen, aber ihm noch lange nicht nachfolgen wollen.

Jedenfalls signalisieren die Kräfte, die diesen Mann besetzt und in ihrer Gewalt haben, dass sie diesen Menschen nicht kampflos aufzugeben gedenken. Sie pokern ganz schön hoch und suchen mit lautem Getöse die direkte Auseinandersetzung mit Jesus: „Was haben wir mit dir zu tun…?“ – so schreien sie ihn an. Das soll heißen: Was du tust, das geht uns nichts an, aber für dich gilt auch: was wir tun, das geht dich nichts an! Halte dich also da raus! Das ist unser Einflussgebiet, nicht deines!

Doch Jesus hat nicht vor, mit ihnen in irgendwelche Verhandlungen einzutreten. Mit dem Bösen schließt man keine Kompromisse und keine Waffenstillstands-Verhandlungen. Wenn man dem auch nur einen Finger reicht, nimmt es garantiert die ganze Hand. Sabbatruhe hin oder her, hier muss Jesus eingreifen. Die bösen Mächte haben einen Menschen zu ihrem Spielball gemacht. Mit einem einzigen Machtwort aus dem Munde Jesu ist dieser Spuk zu Ende. Ein letztes Mal hat sich das Böse aufgebäumt und den Mann hin- und hergeschleudert. Dann verlässt es ihn mit wütendem Gebrüll.

Wir wissen nicht genau, welche teuf-lischen Mächte diesen Mann so lange gepeinigt haben. Das ist auch nicht die Hauptsache. Das Evangelium selbst formuliert, was hier wirklich wichtig ist: „Da erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.“ – Das heutige Evangelium stellt es unmissverständlich und für jeden klar: Ja, es gibt das Böse, und das Böse kann furchtbare Macht über Menschen gewinnen.

Uns fällt es nicht schwer, dem zuzustimmen. Wir brauchen z.B. nur an die entsetzlichen Geschehnisse in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches zu denken. Wenn wir die Nachrichten sehen, wird uns auch oft genug vorgeführt, zu welchen Grausamkeiten und schreienden Ungerechtigkeiten Menschen fähig sind, im Namen von was auch immer. Selbst das Personal in Mutter Kirche hat sich im Laufe der Geschichte nicht immer sonderlich mit Ruhm bekleckert.

Das Evangelium bestätigt aber nicht nur, dass es das Böse gibt. Es demonstriert auch, wer wirklich das Sagen hat, auch wenn das leider in unserem Alltag nicht immer so offensichtlich wird wie hier. Die Menschen in der Synagoge haben es damals auf den Punkt gebracht: Wer solche Wundertaten allein durch sein Wort vollbringt, der ist ganz sicher mit göttlicher Vollmacht ausgerüstet. Ja, diese Tat ist sogar eine verkündete Lehre. Jesus erteilt ihnen eine Lehre. Bei ihm können sie in die Lehre gehen, wenn sie ihm nachfolgen.

Die bösen Geister dieses Mannes sind vertrieben. Er kann aufatmen und ein ganz neues Leben beginnen. Ob er sich bei Jesus dafür bedankt hat, wird im Evangelium nicht verraten. In jeder Taufe und bei der Tauferneuerung in der Osternacht werden auch wir heutzutage daran erinnert, dass die bösen Mächte keineswegs in Winterschlaf gegangen sind. Wir sind konkret auf-gerufen, wachsam zu sein und Widerstand gegen das Böse zu leisten: „Widersagt ihr dem Bösen?…Widersagt ihr dem Satan?“ heißt es, und von uns allen wird eine klare Absage erwartet: „Ja, wir widersagen!“

Doch mit dieser feierlichen Absage allein ist die Angelegenheit nicht ein für allemal erledigt. Oft genug möchte man fragen: „Was ist bloß in uns gefahren?“ Das ist wie mit einer chronischen Krankheit, die immer wieder versucht, sich zum Angriff auf unser Immunsystem zurückzumelden. Aktuell in die Schlagzeilen geraten ist die Banken- und Finanzkrise. Etliche Leute als Verkäufer und auch als Kunden konnten den Hals nicht voll genug kriegen. Die Folgen breiten sich jetzt lawinenartig aus, viele Milliarden und vor allem viele Existenzen wurden schlagartig vernichtet. Die eigentliche Krise sitzt aber viel tiefer. Was ist da bloß in uns gefahren? In der modernen Gesellschaft breitet sich die Gier in jeder denkbaren Variation aus wie die Finanzkrise.

Die Gier nach Macht, die Gier nach immer mehr Geld, nach immer mehr Nervenkitzel, die Gier nach Sex, die Gier nach Anerkennung und nach vielem mehr. Man lebt so, als sei das Leben wie immerwährende Olympische Spiele: Es muss noch ein Rekord sein, man braucht noch eine Trophäe, noch einen Pokal. Man sortiert die Menschen in Sieger und in Verlierer. Pech gehabt, dass du so krank bist! Pech gehabt, dass du in einem armen Land lebst! Pech gehabt, dass du keine reichen Eltern hast! Da ist so einiges Unheilvolle und Böse, in uns, in die heutige Gesell-schaft, hineingefahren. Achten wir als Christen immer darauf, dass diese Quälgeister nicht auch von uns Besitz ergreifen und uns zu Besessenen machen!

Erhard Eutebach, Jahrgang 1950, präsentiert wöchentlich seine “Mittwochsgedanken zur Sonntagspredigt” in einem eigenen Blog. Fortan werden wir seine wöchentlichen Predigtgedanken ebenfalls veröffentlichen.

28. Januar 2009, 10:06

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