Katholikenfreundlicher Patriarch
Die Russische Orthodoxe Kirche hat einen neues Oberhaupt
Moskau (kathnews). Die russisch-orthodoxe Kirche (ROK) hat am heutigen 27. Januar 2009 ihr neues Oberhaupt gewählt: Metropolit Kyrill von Smolensk und Kaliningrad wurde heute auf Lebenszeit gewählt. Die Wahl des Oberhauptes der Kirche und damit von weit über 100 Millionen russisch-orthodoxen Gläubigen in aller Welt wurde vom sogenannten „Kirchenkonzil“ vollzogen. Dessen Wahlsitzung war am Vormittag mit einem feierlichen Gottesdienst in der wiedererrichteten Christus-Erlöserkathedrale eröffnet worden. Bezüglich der Wahl gibt es durchaus Parallelen zu jener von Papst Benedikt XVI.: Wie bei diesem fielen Wahl und Verkündigung auf einen Dienstag, in beiden Fällen fand die Verkündigung des Wahlergebnisses am späten Nachmittag statt. Nach dem von Papst Benedikt in seinem Recht bestätigten Römischen Ordo von 1962 („außerordentlicher Usus“) ergibt sich eine weitere bemerkenswerte Koinzidenz: Der Tag der Wahl fällt demnach mit dem Fest des heiligen Johannes Chrysostomos zusammen, dem Namensgeber der nach ihm benannten Göttlichen Liturgie, der wichtigsten der drei Formen des Byzantinischen Ritus’.
Viele weltliche Delegierten unter den kirchlichen Würdenträgern
Aufgrund des massiven Wachstums der ROK unter dem Vorgängerpatriarchen Alexej II. (+2008) mußte nun sogar die Wahlordnung verändert werden. Unter den über 700 Delegierten des Kirchenkonzils waren sämtliche Metropolite (Oberbischöfe), Bischöfen sowie die Rektoren der geistlichen Akademien (Seminare). Aus jedem Bistum wurden zusätzlich jeweils ein Geistlicher, ein Mönch sowie ein weltlicher Vertreter der Kirchengemeinden entsandt, die ebenfalls volles Stimmrecht besaßen. Somit waren zahlreiche Spitzenbeamte und Geschäftleute an der Wahl beteiligt. Die Wahl des „Patriarchen von Moskau und ganz Rußland“ war schon im Jahre 1990 auch eine politische Wahl und sollte es, Beobachtern zufolge, auch diesmal werden. Auffallend war andererseits im Vorfeld die Zurückhaltung des Kreml, so daß der Ausgang der Wahl diesmal als extrem unsicher galt. Denn gewöhnlich hebt der Kreml bei Abstimmungen aller Art seine Favoriten deutlich hervor und versucht stark und durchaus erfolgreich, Einfluß auf das Wahlergebnis zu nehmen. Kyrill galt aber im Gegensatz zu Metropolit Kliment nicht als Favorit des Kreml. Immerhin wurde in russischen Medien, „das einige Russland wählt seinen Patriarchen“ – gemeint war die Kremlpartei „Einiges Rußland“.
Kyrill war bereits Sieger der Vorwahl
Dennoch: Bei der Vorwahl durch das „Bischofskonzil“ am Sonntag konnte Kyrill bereits knapp die Hälfte der abgegeben Stimmen auf sich vereinigen – deutlich mehr als jeder andere: 97 der 198 Stimmen. Der Zweitplatzierte Metropolit Kliment kam nur auf 32 Stimmen. Dabei gilt der Geschäftsführer und Vermögensverwalter des Moskauer Patriarchats innerhalb der Kirchenhierarchie als gut vernetzt und mit besten Beziehungen zum Kreml – meist ein ausschlaggebender Faktor. Auf dem dritten Platz landete der bereits 73jährige Metropolit Filaret von Minsk mit 16 Stimmen. Im Laufe des eigentlichen Wahltages hatte Filaret seine Kandidatur zugunsten von Kyrill zurückgezogen.
Eine steile Karriere
Kyrill, sein bügerlicher Name lautet Wladimir Michailowitsch Gundjajew, wurde 1946 in Leningrad geboren. Nach seiner Priesterweihe 1969 wurde er 1971 Archimandrit und Vertreter beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), 1974-1984 Leiter der Le-ningrader geistlichen Akademie (Priesterseminar) und 1976 Bischof, 1988 Erzbischof, 1991 Metropolit. Als langjähriger Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) beim Weltkirchenrat (ÖRK) in Genf und als Sekretär des berühmten Metropoliten Nikodim (Rotow) von Leningrad (heute wieder St. Petersburg) konnte er die seine Sensibilität für die anderen christlichen Gemeinschaften vertiefen. Metropolit Nikodim seinerseits galt der als einer der ersten Protagonisten der Öffnung der ROK. Er verstarb 1978 bei einer päpstlichen Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom in den Armen von Papst Johannes Paul I.
Seit 1989 leitete Kyrill bis zum Schluß die Abteilung für externe Kirchenbeziehungen des Moskauer Patriarchats, eine Art Außenminister der ROK also, und damit zugleich ständiges Mitglied des „Heiligen Synod“ der ROK. Zugleich ist er einer der Hauptautoren, an der Ausarbeitung der Soziallehre der russisch-orthodoxen Kirche („Grund-lagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche“) beteiligt waren – einem wegweisenden Dokument.
Ein Mann des Dialogs
Kyrill ist gegenwärtig der in Russland wohl bekannteste und beliebteste Kirchenmann. Der hervorragende Rhetoriker und Prediger ist Vertreter der ökumenischen Bewegung und Befürworter einer gewissen Öffnung der Kirche zur Welt. Besonders zur katholischen Kirche bestehen gute Kontakte – im Gegensatz zu Metropolit Kliment.
Als Außenamtschef traf er mehrmals den Papst, besuchte den Weltkirchentag in Köln 2007 oder wurde zweimal von SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier empfangen. Kyrill ist seit langem die bekannteste Figur der ROK, nicht zuletzt durch seine Fernseh-Präsenz: Mit „Wort des Hirten” betreibt er im ersten Kanal des russischen Staatsfernsehens eine eigene, wöchentliche TV-Sendung. Beste Beziehungen bestehen weiters zu Hilarion Alfejew, dem jungen ROK-Bischof von Wien und ganz Österreich.
„Kanonisches Territorium“
Bezüglich der Frage eines sogenannten „kanonischen Territoriums“ ist Kyrill der Meinung, daß gemäß der gemeinsamen christlichen Tradition in Ost und West nur ein Bischof als Zeuge der einen Kirche Jesu Christi an jedem Ort sein soll. Die gegenseitige Anerkennung als Schwesterkirchen habe daher zur Folge, daß dort, wo ein Bischof in der apostolischen Tradition wirkt, Parallelhierarchien überflüssig werden. Allerdings konnte er sich dieses Modell auch in den Reihen seiner orthodoxen Mitbrü-der bislang noch nicht durchsetzen: Auch in Deutschland etwa residieren diverse russische Bischöfe (Exarchen) der verschiedenen autonomen orthodoxen und altorientalischen Landeskirchen (Russen, Bulgaren, Rumänen, Griechen, Äthiopier, Armenier etc.). Kürzlich betonte er die weiterhin bestehenden Differenzen zwischen Katholiken und der ROK in Hinsicht auf Glaubens- und Moral, wobei diese Aussage auch auf dem Hintergrund seiner Kandidatur zu werten ist: Viele Kleriker der ROK, wie Metropolit Kliment, stehen dem ökumenischen Einsatz Kyrills kritisch gegenüber.
Die Wahl von Metropolit Kyrill bedeutet für die katholische Kirche zweifellos ein positives Signal. Die Möglichkeit scheint eröffnet, daß sich die Beziehungen zur ROK weiter verbessern können.
Ein Bericht von lic. theol. Daniel Eichhorn
27. Januar 2009, 20:09