Kommentar: Der Papst, der nicht schwieg
Schon Johann Wolfgang von Goethe ahnte es: „Das Falsche hat den Vorteil, dass man immer darüber schwätzen kann.“ Wenn es doch nur beim Schwätzen bliebe. Weit größere Kreise zog das Skandalstück „Der Stellvertreter“ von einem damals Unbekannten, Rolf Hochhuth. Verleumdung beschreibt wohl eher das am 20. Februar 1963 auf der linken „Freien Volksbühne“ uraufgeführte Bühnenstück. Hochhuth gelang es die Geschichte umzuschreiben.
1,5 Millionen Menschen aus aller Welt waren in die Ewige Stadt gekommen um zu trauern. So viele wie nie zuvor. Die Weltpresse, die kondolierenden Staatsoberhäupter waren sich zu mindestens in diesen Tagen ausnahmsweise einig: Der Verstorbene sei ein Pastor angelicus. Tausende habe er vor dem sicheren Tod gerettet, Tausenden gewährte er großherzige Unterstützung, Tausende rettete er vor Hunger und Verfolgung. US-Präsident Eisenhower fasste es zusammen, „ein Wohltäter der Unterdrückten“. Israels Außenministerin und spätere Premierministerin Golda Meir dankte dem Verstorbenen, dass er die Stimme gegen den Naziterror erhoben und die Henker tatkräftig verurteilt habe. Ganz sei er in dieser schweren Zeit bei den Opfern gewesen.
Papst Pius XII. war gestorben. Am 9. Oktober 1958 in Castel Gandolfo schloss der große Papst für immer seine Augen. Es bestand 1958 offensichtlich gar kein Zweifel, dass Pius XII. sich für die Juden eingesetzt und die Ideologie des Nationalsozialismus zutiefst verabscheute hatte.
Der jüdische Historiker Pinchas Lapide kommt in seinen präzisen Berechnungen zu dem Schluss, dass der Papst das Leben von über 700.000 Juden retten konnte. Namhafte Historiker wie Ernesto Galli della Loggia, Arrigo Levi und Piero Melograni, die gewiss nicht als Freunde der Katholischen Kirche bekannt sind, sind sich einig: Pius half, wo er konnte. Er war nicht ein Mann der großen Worte, der Hitler feierlich in einer großen Zeremonie exkommuniziert hätte, er war ein Mann der Tat, einer der im Verborgenen half. Was hätte eine Invektive gegen Hitler gebracht? Noch mehr Tote, noch mehr Gefolterte in den Konzentrationslagern. Wie hätte Pius dies verantworten können?
Doch besonders in Kreisen linker Intellektueller wird munter weiter polemisiert. Hochhuths Wahrheit verdrehende Wirkung ist auch noch im Jahr 2009 zu spüren. Kürzlich titelte die linke Berliner Tageszeitung taz „Der Papst, der geschwiegen hat“. Pius XII. habe lediglich „irritierende Relativierungen“, „schwammige Worte“ und „windelweiche Andeutungen“ zum Massenmord an den Juden über die Lippen bekommen. Vom „mutlos-sprachlosen Papst“ wird geschrieben, dem der Judenmord nicht einmal eine Messe wert sei. Und es wird der Urheber der Pius-Polemik Hochhuth zitiert: „Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt, ein solcher Papst ist ein Verbrecher“.
Nun – während des Zweiten Weltkrieges sah es die Weltöffentlichkeit anders. Die New York Times schreibt im Dezember 1941: „Die Stimme von Pius XII. ist eine einsame Stimme im Schweigen und in der Dunkelheit […]. Er ist so ziemlich der einzige Regierende auf dem europäischen Kontinent, der es überhaupt wagt, seine Stimme zu erheben. […] Indem er eine ‚wirklich neue Ordnung‘ forderte, stellte sich der Papst dem Hitlerismus in die Quere. Er ließ keinen Zweifel daran, dass die Ziele der Nazis mit seiner Auffassung vom Frieden Christi unvereinbar sind.“ Die Nazipresse betitelte den Papst indessen als „Judenfreund“ und „Kommunisten“. Nicht ohne Grund verbot Hitler die Teilnahme an Papstaudienzen.
Seltsamerweise und selbst entlarvend beruft sich der taz-Artikel in seiner Papstdiffamierung auf den ersten Großrabbiner Israels, Yitzhak HaLevi Herzog. Dieser bedankte sich in einer Audienz bei Pius XII. 1944 mit den Worten „das Volk von Israel wird nie vergessen, was Seine Heiligkeit für unsere unglücklichen Brüder und Schwestern in dieser höchst tragischen Stunde unserer Geschichte tut. Das ist ein lebendiges Zeugnis der göttlichen Vorsehung in dieser Welt.“
Wenn Pius gegen den „Aberglauben von Rasse und Blut“ und „Götzenkult der Rasse“ predigte, verstand jeder, dass der Nationalsozialismus gemeint war. Heute scheint die Brisanz solcher Schlagwörter nicht mehr nachzuvollziehen sein. Zu weit weg sind die Schrecken der Shoah – besonders für einige sogenannte Linksintellektuelle.
23. Januar 2009, 08:32