Predigtgedanken: “Na los, hierher!”

Jesus ChristusEntschuldigung, können Sie mir bitte sagen, wie spät es ist? – Nun müssen Sie nicht auf Ihre Uhr schauen, denn wie spät es wirklich ist, bekommen wir im heutigen Evangelium am 3. Sonntag im Jahreskreis von Jesus sowieso genau beantwortet. „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe“, so verkündete er es in Galiläa, heißt es dort. Zeitpunkte gibt es viele im Leben, den Zeitpunkt von Geburt und Tod, den Zeitpunkt eines Ausbildungs-Abschlusses usw. Die Zeit der Bußpredigt des Johannes ist vorbei, man hat ihn ins Gefängnis geworfen, hören wir heute im Evangelium. Für das öffentliche Auftreten Jesu ist es nun Zeit geworden. Jesus verkündet: Jetzt ist es soweit. Gott hat seinen Zeitpunkt gesetzt – sein Reich ist nun nahe!

Ob es die große Liebe ist, wo man entschieden JA sagen muss, wenn man sie nicht verlieren will, oder ein attraktives berufliches Angebot – wir wissen es: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Jetzt – oder nie! Packe die einmalige Gelegenheit beim Schopf! – Unsere Lebenserfahrung sagt es uns: Wer heute zu lange zögert, der zögert auch morgen und übermorgen. Chancen kann man auch endgültig verpassen, wenn man sie auf die lange Bank schiebt.

Jesus ruft den Menschen zu: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ Kehrt um – das heißt doch: ihr seid auf dem Holzweg, ihr seid in einer Sackgasse, auch wenn ihr es noch nicht bemerkt. Das mag für unsere Ohren vielleicht wie ein Vorwurf klingen, doch so ist es nicht gemeint. Im Gegenteil: Es heißt ja, Gott ist jetzt nahe, er wird sich nun durchsetzen! Freut euch! Nutzt eure Chance, und zwar jetzt!

Im griechischen Originaltext steht hier das Wort „metanoite!“ – das kann man übersetzen mit: Ändert euren Blickwinkel, ändert eure innere Einstellung! Du kannst dich als Mensch noch so sehr anstrengen – so lange du auf dem falschen Dampfer bist, kommst du nicht dahin, wo du eigentlich hin möchtest. Das Umsteigen auf den richtigen Kurs geschieht nicht durch noch mehr eigene Anstrengung, durch noch mehr kluges Wissen oder noch mehr Gebote und Verbote. Es geschieht, indem man die grundsätzliche Richtung ändert, indem man nicht mehr den Herren spielt, sondern indem man die eigenmächtige Herrschaft aufgibt. Es geschieht, indem man umkehrt und glaubt.

Und glauben ist dabei nicht etwas Intellektuelles, keine Ansammlung von klugen Sätzen, sondern es ist eine Frage der konkreten Zugehörigkeit. Zu wem gehöre ich? Wer ist mein Herr? Wer hat Macht über mich? Wem vertraue ich wirklich ganz und gar? Kann ich mich Gott wirklich öffnen? Kann ich sagen: Ja, Herr, hier bin ich! Zeige mir den Weg, den ich für dich gehen darf.

Im heutigen Evangelium stellt sich diese Frage gleich anschließend ganz konkret. Simon und Petrus sind gerade beim Fischen; in Ufernähe werfen sie ihr Netz aus. Was dann passiert, beschreibt das Evangelium denkbar knapp: „Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach!
Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“

Da sträuben sich dem modernen Menschen bisweilen die Nackenhaare: Was macht Jesus denn da? Reißt er Menschen willkürlich aus ihrer Um- gebung heraus? Kann er das denn verantworten, dass nun die Familien vielleicht ohne Vater und Ernährer dastehen?

So kommen auch viele Christen, die so etwas hören, schnell zu der Meinung: Solch einem Gott, der mir und meiner Familie vielleicht die Existenz zerstört und der mich einfach so vereinnahmt, dem möchte ich lieber nicht ins Netz gehen. Da halte ich mein Christentum doch lieber ganz unspektakulär auf Sparflamme. Von mir darf Gott so etwas nicht verlangen – ich bin eben nicht zum Märtyrer geboren und habe auch Verantwortung für andere zu tragen!

Mitten aus der Arbeit reißt er die Fischer heraus! Auch das ginge nicht bei mir, ich habe doch noch so viel unerledigte Arbeit liegen. Die macht sich eben nicht von alleine. Soll ich das vielleicht einfach anderen aufhalsen, um Jesus ganz und gar zu folgen? -
Kurzum: Bei erster Betrachtung sind wir einerseits von einer gewissen Bewunderung für diese mutigen Fischer erfüllt, andererseits aber machen wir sofort unsere Schotten dicht: Mit mir nicht, lieber Gott!
Das ist nun wirklich zuviel verlangt! Das ist doch wohl nicht dein Ernst!

Diesen Schuh kann ich mir nicht anziehen, Jesus, der ist wirklich etliche Nummern zu groß für mich! Ich wäre dir also sehr dankbar, wenn du weiterziehst und dir jemanden anderen aussuchst! – Und dann noch dieser Tonfall bei Jesus! Wörtlich übersetzt spricht er die beiden eben nicht nur an mit „Kommt her, folgt mir nach!“, sondern geradezu gebieterisch: „Na los, hierher, hinter mich!“ – Ein harter Brocken für uns moderne Menschen!

Fast ebenso irritiert sind wir über die Reaktion der Fischer. Die lassen doch tatsächlich alles stehen und liegen! Ein paar Meter weiter geschieht das gleiche mit Jakobus und Johannes, und da steht sogar im Bibeltext dabei, dass sie ihren Vater mit seinen Tagelöhnern einfach im Boot zurücklassen. – Solch ein Gott, der seine Helfer einfach einkassiert, kann einem auf den ersten Blick schon Angst machen!

Die Frage ist also, wie wir diese schwer verdauliche Bibelstelle etwas besser verstehen können. So, wie sie da steht, mögen wir diesen großen Happen nicht so gerne schlucken; er könnte uns leicht im Halse stecken bleiben. – Was also ist das Geheimnis dieser Begegnung zwischen Jesus und den Fischern? Warum folgen sie ihm sofort, wie es auch im Bibeltext heißt: „Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.“ Zuerst einmal: Diese vier und nach ihnen viele andere stehen mitten im Leben, wie Sie und ich. Sie sind keine Träumer und keine Faulenzer.

Sie tun Tag für Tag ihre Arbeit, und die tun sie sicher gut. Doch ihnen passiert etwas, womit sie nicht rechnen konnten. Und herbei- gebetet haben sie das auch nicht. Die Initiative zum größten Ereignis in ihrem Leben ging nicht von ihnen aus, sondern von Jesus.

Jesus hat sich entschieden, diese Fischer als seine ersten Jünger aus- zusuchen. Gerade diese hat er sich ausgewählt, und weder die noch wir wissen so ganz genau, warum. Wesentlich ist nur: Jesus hat sie gerufen, und sie haben seinen Ruf genau gehört. Irrtum ausgeschlossen – der meint tatsächlich uns beide!

Natürlich suchen wir heute nach Erklärungen, denn wir wollen ja immer alles verstehen. Eigentlich wissen wir, dass man nicht alles erklären kann. Oder erklären Sie mal genau, warum Sie gerade diese Frau oder diesen Mann lieben, obwohl Tausende anderer Menschen ganz sicher auch sehr nett sind. Oder erklären Sie mal, warum gerade Sie geboren wurden und nicht ein anderer im Mutterleib heranwachsen konnte.

Jesus entscheidet sich, damals und heute. Jesus ruft heraus aus dem Alltag. Er wählte keine Schriftgelehrten aus, sondern Fischer. Wir können letztlich nur ahnen, warum er gerade sie auswählte. Fischer sind jedenfalls Menschen, die wie Hirten hellwach sein müssen. Schnelle Wetterwechsel waren auf dem See sehr gefürchtet. Sie halten stets Augen und Ohren offen. Sie wissen, dass ihr Erfolg von vielem abhängt und nicht immer nur ihr Verdienst ist. Das Wetter muss mitspielen, und man muss im richtigen Augenblick an der richtigen Stelle im See sein, um Erfolg beim Fang zu haben. Dankbarkeit für gesunde Heimkehr und für ein volles Netz ist bei ihnen selbstverständlich.

Zudem sind die Fischer ausgesprochene Team-Arbeiter, denn bis zu 14 Leute arbeiteten damals in einem Boot als Steuermänner, Ruderer und Fänger. Alle saßen wortwörtlich in einem Boot, jeder war von den anderen abhängig. Jesus entscheidet sich. Er ruft Menschen konkret heraus. Letztlich weiß nur er allein, warum er gerade jenen ruft. Doch als Bibelleser wissen wir natürlich, dass er auch Fehlschläge erlitt. Viele hat er gerufen, im ganzen Lande zur Umkehr aufgerufen, aber lange nicht jeder, der gerufen wird, folgt auch diesem Ruf. Das war damals so, und heute ist es nicht anders.

Jesus ruft also weit mehr Menschen, als man aus dem heutigen Evangelium vermuten kann. Wie wir eben schon erkannt haben: Viele hören ihn, aber es fehlt ihnen der Mut, seinem Ruf zu folgen. Der Berg ihrer Einwände und Bedenken ist zu groß. Oder sie sind unsicher, ob sie auch wirklich gemeint sind. Diese Angst lähmt. Sie fühlen sich, als müssten sie wie ein Zirkus-Artist über ein Seil balancieren, den gefährlichen Abgrund unter sich.

Wirkliche Artisten jedoch belehren uns: Sie können nur erfolgreich sein, wenn sie hart trainieren und sich absolut vertrauen. Der Springer streckt im entscheidenden Sekundenbruchteil nur die Hände aus, und nur der Fänger packt zu. Würde der Springer auch zupacken wollen, gäbe es ein Handgemenge und das Risiko einer gebrochenen Hand. Der Springer streckt nur die Hände aus, zupacken und fangen muss ein anderer. Anders geht es nicht.

So ähnlich ist es auch mit denen, die Jesus nachfolgen. Die Fischer damals haben das kapiert, und viele Tausende, die ihnen nachfolgen. Viele haben den Ruf Jesu gehört, egal ob für ein Leben im Kloster, ein Leben als Priester oder pastoraler Mitarbeiter oder auch für ein Leben als Christ in Familie und Gesellschaft.

Die innere Einstellung ändern, hellhörig werden, den modernen Rattenfängern nicht auf den Leim gehen, denen die richtigen Klamotten und die Verjüngungs- creme wichtiger sind als das ewige Heil. Darauf kommt’s an. „Die Zeit ist erfüllt“, ruft uns Jesus zu. Wenn er uns ruft, dann sorgt er auch für uns, dann packt er uns auch an der ausgestreckten Hand und fängt uns sicher auf. Da wird keine Familie verhungern, weder bei den Fischern noch bei uns.

Gott sorgt wunderbar für die, die sich ihm wirklich öffnen. Sie wissen: Wir können nicht tiefer fallen als bis in Gottes Hand, und die ist noch sicherer als das Rettungsnetz, das die Trapez-Artisten immer spannen. Das bezeugen viele, die sich wirklich wie diese Fischer auf den Ruf Jesu eingelassen haben. Ihr Leben ist reich und schön geworden.

Da treffen sich nach langer Zeit zwei Bekannte zufällig an einer Imbissbude. Der eine bestellt sich eine Currywurst mit Fritten. Er ist sehr erstaunt, als der andere sich das auch bestellt: „Ich denke, du bist Vegetarier?“ – Der andere darauf: „Ja, unbedingt! Das stimmt schon, aber ich bin nicht praktizierend!“ Das finden wir lächerlich. Wie kann man bloß behaupten, Vegetarier zu sein, wenn man in der Praxis doch Fleisch isst?! Wenn man das jedoch auf Christen überträgt, scheint das nicht lächerlich, sondern normal zu sein: Man behauptet, Christ zu sein, aber in der Praxis lebt man nicht so.

Wenn Jesus uns also das nächste Mal zuruft: „Das Warten ist vorbei – das Reich Gottes ist dir nahe! Komm, hinter mich!“ -, dann könnten wir die Chance nutzen, die er uns bietet. Dann könnten wir es mal ausprobieren mit einer Antwort. Am besten mit dieser: „Ja, Herr, hier bin ich! Zeige mir den Weg, den ich für dich gehen darf!“

Erhard Eutebach, Jahrgang 1950, präsentiert wöchentlich seine “Mittwochsgedanken zur Sonntagspredigt” in einem eigenen Blog. Fortan werden wir seine wöchentlichen Predigtgedanken ebenfalls veröffentlichen.

21. Januar 2009, 14:28

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