Auf den Bergen des Kaukasus

Eine Buchbesprechung von Hans Jakob Bürger.
Erstellt von Hans Jakob Bürger am 28. Februar 2017 um 22:52 Uhr

Der Herausgeber und Übersetzer des vorliegenden Buches, Pater Bonifaz Tittel, bedankt sich in seinem Vorwort bei dem Verlagsleiter des „Verlag der Ideen“, ohne den „dieses Buch wohl nicht mehr erschienen wäre“. Denn bereits 1990 erschien es unter demselben Titel „Auf den Bergen des Kaukasus. Gespräch zweier Einsiedler über das Jesus-Gebet“ beim Otto Müller-Verlag in Salzburg. Offenbar ist es heutzutage nicht immer einfach, einen (christlichen?) Verlag zu finden, der in der Lage ist, ein solches Thema aufzugreifen. Es sei hier auch gerne darauf hingewiesen, dass schon in den Jahre 1907, 1910 und 1912 unser Buch unter demselben Titel „Auf den Bergen des Kaukasus“ in drei Auflagen gedruckt wurde. Der damalige Untertitel lautete jedoch anders und etwas sperrig: „Unterhaltung zweier Einsiedler-Startzen über die innere Vereinigung mit dem Herrn unserer Herzen durch das an Jesus Christus gerichtete Gebet, oder geistliche Tätigkeit zeitgenössischer Einsiedler“.

Der heutige Übersetzer, Pater Bonifaz Tittel OSB, geboren 1947 in Wien, gehört dem Schotten-Stift in Wien an. Er studierte Theologie und Russisch in Wien, Salzburg und an der Leningrader Geistlichen Akademie unter dem Metropoliten Nikodim (Rotov) sowie dem jetzigen Patriarchen von Moskau und ganz Russland Kirill (Gundjaev). Am ordenseigenen Stiftsgymnasium lehrte er über 35 Jahre als Professor katholische Religion und Russisch. Heute ist Pater Bonifaz Pfarrer einer Gemeinde in Wien. „Schimonach Ilarion Domratschev [Ilarion ist die slawisch-russische Form von Hilarion, Hilarius], geboren um 1845 im Gouvernement Vjatka (heute Gebiet von Kirow), gestorben am 1. oder 14. Juni 1916 in Tjomnye Buki (Gebiet von Kuban). Er stammte aus einer Priesterfamilie, besuchte das Geistliche Seminar und arbeitete als Lehrer. Bald trat er in das russische Pantaleimonkloster auf dem Berg Athos ein und lebte dort mehr als 20 Jahre. Nach Mitteilung von Starez Varsonufij von Optina Pustin war er dort Schüler des Starez Disiderij. Er übersiedelte in das neu gegründete Neu-Athos-Kloster, lebte aber vorwiegend als Einsiedler. Im Buch gibt er die Gebetserfahrung seines Lehrers und Starez Disiderij und seine persönlichen Erfahrungen wieder.“

Im Buch wird die Meinung vertreten, der im Jesusgebet angerufene Name des Herrn sei Gott selbst. Eine solche Lehre führte nach Erscheinen im orthodoxen Raum zu schweren Auseinandersetzungen. Durch die Schreiben zweier Patriarchen von Konstantinopel, eine Konstantinopler Synode, die Theologische Schule von Chalki und den Heiligsten Russischen Synod wurde die vorgestellte Lehre jedoch verurteilt. Auch in dieser Besprechung soll sie uns nicht weiter beschäftigen. Es wird in dem Buch vor allem ein Gotteserleben, eine Gotteserfahrung beschrieben und dargestellt, welches in der Heiligen Schrift ebenso wie in der aszetischen Überlieferung eine besondere Stelle einnimmt, aber vielleicht als solches nicht immer die rechte Beachtung gefunden hat und findet: das Gotteserlebnis der Bergeshöhe und der Bergeseinsamkeit; oder einfach in der Einsamkeit und Zurückgezogenheit einer Einsiedelei.

Sicher war es kein Zufall, dass Gregor der Sinaite der erste war, der im 14. Jahrhundert die hesychastische Gebetsmethode eingeführt und verbreitet hat. Denn er kam aus der Einsamkeit auf Bergeshöhen; zunächst war er, wie sein Name sagt, Mönch auf dem Berg Sinai, danach auf dem Berg Athos. Berge haben eine große Bedeutung für Gebet und Mystik. Nach Zeugnissen des Alten Bundes sind die Berge Wohnung Gottes. Auch im Neuen Bund sind die Berge bevorzugte Orte. Jesus stieg auf den Berg um zu beten und zu lehren; auch sein schwerster und letzter Weg führte ihn auf den Berg, nach Gethsemani und Golgotha. Auf dem Berg werden die Menschen an ihre Grenzen geführt, hier begegnen ihnen aber auch die stärksten Versuchungen Satans. Jesus war in der Wüste, als der Teufel an ihn herantrat und ihn mit auf einen sehr hohen Berg nahm. Dort zeigte er ihm alle Reiche der Welt samt ihrer Herrlichkeit, um ihn zu verführen (Mt4,8; Lk4,5).

In unserem Buch des Ilarion finden sich Naturschilderungen, die als Grundlage für sein Gotteserlebnis dienen. Offenbar sind diese Schilderungen der Rahmen oder der Hintergrund für den eigentlichen Inhalt, das Jesusgebet. Dabei bilden sie für den das Jesusgebet übenden Einsiedler eine nicht unwesentliche Seite der Frömmigkeit und des Aufstieges zu Gott. Es gibt Schilderungen von wilden Tieren, Vögeln und Ansichten der kaukasischen Natur. Diese haben dem Einsiedler mancherlei für das geistliche Leben Bedeutsames zu erzählen. Schon im ersten Kapitel beim „Aufstieg des Einsiedlers auf die Berge“ eröffnet sich ihm der weite Blick auf die zu beschreibende Schönheit der Natur. Hier trifft er den Starez, den geistlichen Vater, der ihm über das geistliche Tun erzählt und ihn einführt in das hesychastische Beten. Dabei wird immer wieder mit wunderbaren Schilderungen deutlich und klar, dass auch die sich in der Natur abwechselnden Jahreszeiten den Einsiedler ganz besonders stark beeindrucken können. Herbst und Winter etwa sind geradezu geeignet, Wehmut, Trostlosigkeit und das Gefühl der Verlassenheit in ihm zu wecken. Gerade im Herbst pflegt über den Einsiedler eine große Verzagtheit und Mutlosigkeit zu kommen.

Nach der Lehre der Väter und der Erfahrung jedes Einsiedlers ist die Verzagtheit und Mutlosigkeit der Tod der Seele; ja ein Zustand unerträglicher Qual von Trübsinn und Verzweiflung. Dann versinkt der Mensch geradezu und gerät in Gefahr in den Abgrund der Hölle zu versinken, und nichts vermag ihn zu beruhigen. Wäre es nicht der Herr, der diesen unerträglichen Zustand abkürzen würde, so würde der Einsiedler nach der Lehre der Väter ganz gewiss davon sterben. Zwar ist der Herbst auf den Bergen des Kaukasus, um wieder auf die Schönheit der von Gott geschaffenen Natur zurück zu kommen, mit seiner reichen Abwechslung und bunten Farbenpracht unvergleichlich schön und eindrucksvoll. Es bietet sich dem Auge ein unbeschreibliches Bild, gemalt von der mächtigen Künstlerhand der göttlichen Weisheit. Dennoch ist es eine Schönheit, die nur kurze Zeit andauert und so an die Vergänglichkeit und an die Eitelkeit alles Irdischen erinnert und mahnt. Kummer und Betrübnis erfüllen die Seele ob der Flüchtigkeit irdischer Schönheit. Alles geht vorüber, und es bleibt allein die Seele mit ihren Werken, den guten und schlechten; und mit diesen geht sie ein in ein künftigen Zeitalter, ins Gericht Gottes.

Ja, alles „Leiden geht vorüber und wieder bricht eine freudige Zeit an“. Doch dazu sind „langjährige, andauernde Bemühungen erforderlich“. Es ist „die Kraft und die Wirkung des Jesusgebetes“, das der Starez lehrt. Das Jesusgebet einzuüben ist mühevoll, aber das Ziel der ganzen Mühe des Gebetes. Und der Starez spricht weiter:

„Auf der zweiten Stufe wird das Jesusgebet das geistige Gebet oder auch ‚Gebet des Verstandes‘ genannt, und seiner Wirkung nach ist es ein ‚seelisches‘ Gebet, da es unter der Beteiligung der Seelenkraft des Verstandes und der vernünftigen Urteilskraft zustande kommt. Es wird folgendermaßen erzeugt: Es wird mündlich gebetet, nur wird allein der Verstand in den Worten des Gebetes eingeschlossen und nimmt dort Platz. Dieses Einschließen des Verstandes in die Worte des Gebetes hat in dem geistlichen Tun eine überaus große Bedeutung, denn es hält den Verstand vom Herumschweben zurück. Es ist bekannt, dass man den Verstand durch kein anderes Mittel zurückhalten kann als allein durch den allmächtigen Namen Jesu Christi.

Wie bei jedem guten Werk, so erkennt auch hier der Asket ganz klar und deutlich die unbesiegbare Kraft des allmächtigen Namens Jesu Christi. Der Herr Jesus Christus ist der Erlöser des ganzen Menschengeschlechtes von der Sünde, und wie in allen anderen Bereichen wird auch hier Seine allgewaltige Erlösung sichtbar.

Ohne Ihn können wir nichts tun (Joh 15,5). Spricht man aber die heiligen Worte des Jesusgebetes: ‚Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, sei mir Sünder gnädig‘ und schließt den Verstand in diese Worte ein, dann ist es ungenügend, sich allein darauf zu beschränken und damit zufriedenzugeben. Freilich, es ist mit einem Wort nicht wiederzugeben, wie nützlich, freudig und rettend das alles ist, aber es ist unmöglich, die Kräfte des Namens Jesu Christi zu spüren. Es muss der Verstand, versunken in den Namen Jesu Christi, in ihm Christus Selbst erblicken. Aber wie soll er Ihn erblicken? In allen Schriften der heiligen Väter wird ganz streng verboten, durch den Verstand auch nur irgendein Bild, eine Vorstellung oder eine Kontur, Form oder Gestalt zu entwerfen. Der heilige Apostel sagt: ‚Wenn wir Christus nach dem Fleisch auch gekannt haben, kennen wir Ihn doch jetzt nicht mehr so‘ (2 Kor 5,16). Aber geistlich ist das Wesen Christi unvorstellbar und uns überhaupt nicht bekannt. Schafften wir uns eine Vorstellung – wir würden ganz und gar sündigen: Anstatt der Wahrheit würden wir etwas Lügenhaftes festhalten.

Es ist also notwendig, dass der Verstand, gehalten von den Worten des Gebetes, völlig rein und fremd jedem Bild oder Gedanken bleibt: Der Name Gottes selbst und die in ihm enthaltene grenzenlose, gnadenhafte Kraft ruft die ihr eigene Wirkung hervor. Sie heiligt den Verstand (wenn auch eben nur den Verstand), hält ihn vom Davonfliegen zurück, erleuchtet seine Urteilskraft, insbesondere in der Heiligen Schrift, verjagt seine natürliche Finsternis und Blindheit. Einfach gesagt – der Verstand wird vom Licht Christi erleuchtet. Wie im Evangelium über die heiligen Apostel gesagt wurde: ‚Da öffnete Er ihnen den Sinn, damit sie die Schrift verständen‘ (Lk 24,45).

Diese zweite Stufe des Jesusgebetes nimmt im geistlichen Leben einen sehr hohen Platz ein, denn sie beginnt schon vom Verstand des Menschen Besitz zu ergreifen. Der Verstand aber hat bekanntlich keine kleine Bedeutung in unserem ganzen Leben. Der größte Teil der Leute lebt ausschließlich durch den Verstand, besonders die Gebildeten, wenngleich sie ihn größtenteils auch nicht in die richtige Richtung lenken.

Diese zwei Stufen des Jesusgebetes – das Gebet im Wort und im Verstand – die durch die äußeren Seelenkräfte hervorgerufen werden, können auch durch unrichtiges Tun dem Menschen keinen Schaden zufügen, wenn er nur nicht stolz wird und auf die anderen herabsieht. Der Stolz ist der tiefste Grund für jegliche Versuchung, die Demut aber zieht die Göttlichen Kräfte herbei. Ist es schon lobenswert, wenn ein Mensch im unermüdlichen Jesusgebet verweilt, dann ist es das umso mehr, wenn ein Mensch emporsteigt, in den Bereich der Seele eintritt und ihre vornehmste Kraft in Anspruch nimmt – den Verstand. Der heilige Apostel Paulus sagt: ‚Die einen predigen aus Liebe, die anderen verkünden aus Gewinnsucht Christus nicht mit lauterer Gesinnung … Aber was liegt daran? Auf jede Weise, ob so oder anders, wird Christus verkündet, und darüber freue ich mich‘ (Phil 1,16). So ist es auch hier – mag es nur ein Gebet im Namen des Herrn Jesus Christus sein: Christus wird gerühmt, Seine Kraft wird gepriesen und Sein Name wird verkündet.

Es scheint noch sehr wichtig hinzuzufügen, dass man beim Aussprechen des Gebetes die Aufmerksamkeit, das heißt die Tätigkeit des verständigen Gebetes (die gesprochenen Worte), vor sich bewahren soll nach dem Wort des göttlichen David: ‚Ich habe den Herrn allzeit vor Augen, Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht‘ (Ps16,8) oder, was noch besser ist, in der Brust, das heißt in der Brusthöhle; ein anderer Starez rät, sie im ‚Gefühl der Kehle‘ zu bewahren, das heißt in der Kehle.

Diese Tätigkeiten sind eine Vorbereitung und Annäherung zum Eintritt des Jesusgebetes in das Herz, und das ist das Ziel der ganzen Mühe des Gebetes.“

Hans Jakob Bürger

Schimonach Ilarion, Bonifaz Tittel
Auf den Bergen des Kaukasus.
Gespräch zweier Einsiedler über das Jesusgebet
Verlag der Ideen, 2013;
475 Seiten; 24,90€;
ISBN-13: 978-3942006101

Foto: Auf den Bergen des Kaukasus – Bildquelle: Verlag der Ideen